Wie die Alte Leipziger die Sache mit dem Internet gründlich vermasselte

Gehörig schief gegangen ist der Social-Media-Versuch des deutschen Versicherers Alte Leipziger: Das Unternehmen hatte auf seinem im Mai 2013 eingerichtetem Youtube-Kanal einige sogenannte „Erklär-Videos“ zu Themen wie Berufsunfähigkeitsversicherung, Lebensvesicherung oder Haftpflichtversicherung veröffentlicht. An sich keine schlechte Idee. Jedenfalls, wenn das Unternehmen dabei darauf verzichtet hätte, sich längst überholter und dümmlicher Rollen-Klischees zu bedienen und sich außerdem zuvor grundlegend mit dem Thema Social Media auseinandergesetzt hätte.

Eines der Videos ist zum Beispiel folgendes:

Der Ehemann verdient also das Geld und kümmert sich um die finanzielle Absicherung der Familie, die Ehefrau ist Hausfrau, völlig uninformiert über die finanzielle Situation der Familie und kocht aber ihrem Mann, nachdem er sie aufgeklärt hat, ein leckeres Essen. Die 50er-Jahre lassen grüßen.

Sechs weitere Videos gibt es, alle mehr oder weniger im selben Tenor: Junge Frauen, die versessen aufs Shopping sind, während ihre Partner sich für Technik interessieren. Söhne, die sportlich aktiv sind und dafür von hübschen Mädchen bewundert werden. Und nicht zuletzt Familienväter, die das Eigenheim ausbauen und sich Sorgen machen, wie sie das (allein) finanzieren sollen, um der schwangeren Freundin ein Heim zu bereiten. Videos also, die auf Rollenbildern basieren, die normale, aufgeklärte Menschen 2015 als überholt und antiquiert ansehen. Ob so etwas wirklich als gelungene PR-Maßnahmen angesehen werden kann? Wohl kaum.

Der eigentliche Punkt aber ist: Der Youtube-Kanal ist neben einer Facebook-Seite die einzige Social Media-Maßnahme des Unternehmens, es gibt keine regelmäßig gepflegte Präsenzen auf Twitter und auch kein Blog. Die Kommentarfunktion auf Youtube ist deaktivert, auf der Facebook-Seite außerdem werden mehr oder weniger nur Werbebotschaften rund ums Unternehmen verbreitet, von Dialog oder zumindest der Bereitschaft dazu ist nicht viel zu merken. Das bedeutet nicht nur, so gut wie keine Stimme im Netz zu haben, sondern vor allem, nicht zeitnah mitzubekommen, dass sich gestern auf Twitter ein Shitstorm gegen die Alte Leipziger unter den Hashtags #AlteLeipziger und #aufgewacht entwickelt hat. Und es gibt keinerlei Möglichkeiten, nun dort mit den aufgebrachten Leuten zu kommunizieren. Das ist aber wohl offensichtlich auch nicht erwünscht.

Interessant war auch, zu beobachten, wie sich der Sturm der Entrüstung auf Twitter entwickelt hatte: Bereits seit Tagen nämlich wurde über diese Videos im größten deutschen Texternetzwerk, dem Texttreff diskutiert. Über 800 Texterinnen, Journalistinnen, Autorinnen und PR-Fachfrauen sind hier organisiert und tauschen sich rege in einem internen Forum untereinander aus – Frauen also, die nicht nur publizistisch tätig sind, sondern auch über den Texttreff hinaus über Social Media und privat miteinander vernetzt sind – und das seit vielen Jahren. Und unter denen sich viele Influenzer befinden, also Leute, deren Stimme im Social Web etwas zählt. Der Ärger über die sexistischen Videos war enorm, eins der Mitglieder, Mela Eckenfels, stellte schliesslich im eigenen Blog drei Fragen an die Alte Leipziger und erhielt darauf auch prompt eine telefonische Antwort, die einigermaßen verblüffend ausfiel:

„Er versuchte das Gespräch darauf zu lenken, dass ich je alleine stünde, mit einer Ansicht.

Nein, sagte ich, diese Meinung teilten sehr viele.

Ob ich denn zu ‘so einem Feministenverein’ gehören würde, sagte er.

Mir platzte der Kragen. Ich kündigte an das Gespräch nun zu beenden, denn um diese Ansicht zu vertreten müsste man im Jahr 2015 wohl nicht zu ‘so einem Feministenverein’ gehören.

Er meinte, ich habe ja nun meine Meinung äussern dürfen und nun wäre er dran. Und meine Einstellung wäre ja schon so ziemlich feministisch.

Daraufhin erwiderte ich, dass ich es nun ganz einfach so machen würde, dass ich in meinem weiteren Leben einen großen Bogen um seine Versicherung machen würde.

Das sei gut, sagte er, denn sonst bekäme er es ja mit mir zu tun, und das wäre nicht so gut. Weder für mich, noch für ihn.“

Ziemlich daneben, vor allem aber ziemlich dumm. Denn natürlich tauschte man sich über diese Reaktion erneut im Texttreff aus Und formierte sich schliesslich. Das Ergebnis kann man heute auf Twitter sehen, wenn man unter dem Hashtag #AlteLeipziger nachschaut. Gleiches auf Facebook. Und nicht zuletzt wurden bereits erste Blogartikel zum Thema geschrieben:

Und dabei wird es sicher nicht bleiben, denn der Ärger im Netz ist groß – zu Recht, denn #Aufschrei ist eben noch nicht vorbei. Das mit diesem Youtube hat sich die Alte Leipziger sicher ganz anders vorgestellt…

Man kann nur hoffen, dass die Versicherung daraus lernt und erstens die dummen Videos aus dem Netz nimmt, sich zweitens ernsthaft mit dem Thema Gleichberechtigung befasst und sich drittens mit dem Thema Netzkommunikation gründlich beschäftigt. Dazu gehört, nicht nur die Mechanismen der Netzkommunikation zu verstehen, sondern auch Präsenz auf verschiedenen Kanälen zu zeigen, die regelmässig und gut betreut werden, um im Falle des Falles dort sofort reagieren zu können. Denn was auch immer die Alte Leipziger nun unternehmen wird: Der Schaden ist definitiv nicht mehr gut zu machen.


 

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