Der Tag des guten Lebens in Köln-Sülz

Tag des guten Lebens

Nachdem der „Tag des guten Lebens“ letztes Jahr in Ehrenfeld ein riesiger Erfolg war, soll er in diesem Jahr auch in Sülz durchgeführt werden. Am 21. September ist es soweit: Einen Tag lang bleiben einige wichtige Sülzer Straßen autofrei. Somit ist viel Platz für zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen rund um das diesjährige Motto „Freiraum – Gemeinschaftsraum“. Der Tag ist allerdings nicht einfach ein kommerzielles Straßenfest mit Buden und Unterhaltungsbühne, vielmehr sind die Sülzer dazu aufgerufen, diesen Tag selber so zu gestalten, wie sie ihn haben möchten.

Der „Tag es guten Lebens“ in Sülz findet im Rahmen der „Europäischen Aktionswoche der Mobilität“ statt, die mittlerweile in einigen deutschen Städten mit einem autofreien Tag begangen wird. Doch in Sülz geht es um viel mehr als einfach nur darum, mal einen Tag das Auto stehen zu lassen. „Natürlich kann man Autos für ein paar Stunden aus den Straßen verbannen. Aber am

nächsten Tag sind sie ja wieder da, so als ob nichts gewesen wäre. Das ist nicht unbedingt nachhaltig“, sagt Davide Brocchi, von dem die Idee für diesen Tag stammt. Der diplomierte Sozialwissenschaftler lebt seit drei Jahren in Sülz und kennt somit nicht nur die Belange des Veedels, sondern beschäftigt sich auch beruflich mit den sozialen und kulturellen Aspekten von Nachhaltigkeit.

Für Bürger seien die Möglichkeiten, sich aktiv für ihre Städte einzusetzen, in den letzten Jahren immer weniger geworden, sagt Brocchi. Das habe verschiedene Gründe. Einer davon sei, dass es immer weniger Freiräume gäbe. Städtische Schulden, Ökonomisierung und Privatisierung hätten dazu geführt, dass immer mehr öffentliche Einrichtungen geschlossen werden, kleine Bühnen zum Beispiel oder soziokulturelle Zentren. Aber auch frei zugängliche Räume wie Spielplätze, Grünflächen und Parks seien knapp. Freier Raum seien aber auch einfach ein leerstehendes Gebäude, die zeitweise für Projekte genutzt werden oder ein schön gestalteter Innenhof, in dem sich die Anwohner treffen. Gemeinschaft könne ohne solche Freiräume nur schwer entstehen, sagt Brocchi. Auch die Möglichkeiten, politisch etwas zu verändern, seien gering – von oben werde regiert, von unten ist es dagegen schwer, etwas zu bewirken. Man könne allerdings im direkten Umfeld beginnen und versuchen, das zu verändern und zu verbessern, was vor der eigenen Haustür passiert.

Brocchi stellte sich also die Frage, wie man Anwohner mit Leuten aus der Kultur und der Umweltbewegung an einen Tisch bekommt, um gemeinsam zu überlegen, wie der Stadtteil, in dem man lebt, gestaltet werden kann, so dass er für alle lebens- und liebenswert bleibt. So entstand die Idee des „Tag des guten Lebens“. Schnell fand er Gleichgesinnte und die „Agora“ entstand, ein Zusammenschluss aus mittlerweile 116 Kölner Organisationen aus den Bereichen Zivilgesellschaft, Umweltbewegung, Kultur und lokale Ökonomie. Beim Tag des guten Lebens in Ehrenfeld unterstützte sie letztes Jahr mit Konzepten und Infrastruktur und so ist es auch in Sülz geplant. Aber auch die Bürger beteiligten sich und nahmen an den öffentlichen Treffen teil.

Viele organisierten sich außerdem in kleinen Gruppen, um für ihre Straßen selber verschiedene Aktionen zu planen – und treffen sich weiterhin bis heute. So sei etwas Nachhaltiges für den Stadtteil entstanden, sagt Brocchi und das wünscht er sich auch für Sülz. Jeder Sülzer kann sich also bei der Organisation des „Tag des guten Lebens“ beteiligen, zum Beispiel in einem der Arbeitskreise oder aber mit einer eigenen Aktion in einer der Nebenstraßen. Wer mag, stellt zum Beispiel Tisch und Stühle auf die Straße, um dort gemeinsam mit den Nachbarn zu frühstücken. Oder eben das Sofa, um von dort aus gemütlich das Geschehen zu beobachten. Und wie wäre es, kleine Ecken zu bepflanzen, damit dort grüne Inseln entstehen?

Dass der Tag nun in Sülz, also seinem eigenen Veedel stattfindet, ist für Davide Brocchi eine besondere Herausforderung. 80.000 bis 100.000 Bürger hatten sich in Ehrenfeld beteiligt – als Besucher oder als aktive Teilnehmer, eine Zahl, die auch Brocchi bis heute noch immer staunen lässt. Dabei gab es in der Venloer Straße 60 Aktionen, in den Nachbarstraßen 120. Sülz, sagt Brocchi, sei natürlich ganz anders als Ehrenfeld aufgestellt, allein schon wegen der Größe. Ehrenfeld biete zudem ein ganz anderes Klima, das Umfeld sei dynamischer und kreativer, nicht zuletzt, weil hier viele junge Leute und viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Zudem hatten sich viele Aktivisten schon davor miteinander vernetzt, zum Beispiel in Sachen Heliosgelände. In Sülz dagegen geht es etwas ruhiger zu, dazu befindet sich der Stadtteil in einer deutlich späteren Phase der Stadtentwicklung: Stichwort Gentrifizierung. Das führt zu ganz anderen Problemen. Die Mieten steigen, günstiger Wohnraum wird immer knapper, viele kleine Einzelhändler müssen ihre Läden schließen.

Ein weiterer Aspekt: Die Autodichte in Sülz ist deutlich höher als in Ehrenfeld, entsprechend gibt es hier deutlich mehr Probleme, was die Parksituation angeht. Insofern sei es in Sülz eine besondere Aufgabe, auch die Autofahrer vom Tag des guten Lebens zu überzeugen. Für Ersatzparkplätze gäbe es aber bereits erste Ideen. Natürlich seien die Straßen außerdem nicht komplett abgesperrt. Krankenwagen, Polizei oder Feuerwehr könnten jederzeit durchfahren und auch in anderen Notfällen kämen Autos problemlos durch das Gebiet. Autofrei soll das Gebiet zwischen zwischen Gürtel und Universitätsstraße sowie Luxemburger Straße und Zülpicher Straße sein, die Luxemburger Straße selber kann aber befahren werden

Nachdem für Sülz die politischen Weichen gestellt sind und die Bezirksvertretung sich einstimmig für die Durchführung des Tag des guten Lebens entschieden hat, kann es nun mit der Planung weitergehen: Am Samstag, 15. März, findet daher um 14:30 Uhr (14:00 Einlass) im Schillergymnasium ein erstes öffentliches Nachbarschafts-Treffen statt, zu dem alle Interessenten herzlich eingeladen sind.

Wer sich vorab informieren möchte: Infos gibt es auf der Facebook-Seite „Tag des guten Lebens Köln“: facebook.com/tagdesgutenlebens. Außerdem gibt es eine Website mit vielen Informationen: tagdesgutenlebens.de, auf der bald noch ein Bereich für Sülz eingerichtet werden soll. Viele weitere Informationen finden sich zusätzlich auf der Website der Agora Köln: agorakoeln.de

Der Artikel erschien auch in einem Kölner Onlinemagazin.

 

Kategorie Allgemein

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