Der Ponyhof

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Als wir noch kein Ponyhof waren, sondern einfach nur irgendeine dieser Bürogemeinschaften in einem Ladenlokal, wie man sie überall in der Stadt sieht, war alles ganz anders. Natürlich gab es auch da bereits diese Leute, die vor unserm Schaufenster stehen blieben, breitbeinig, leicht gebückt und mit bedächtiger Miene, um die in der Auslage ausgestellten Fotos einer befreundeten Fotografin zu begutachten. Erst kamen die Fotos an die Reihe, dann die Preisliste, schließlich wieder die Fotos und ganz zum Schluss das im Fenster hängende Plakat. Dass wir nur wenige Meter hinter dem Fenster an unseren Schreibtischen saßen und das alles mitbekamen, schien sie dabei nicht zu stören, gerade so, als wären wir nicht da. Erst wenn sie gerade dabei waren, sich vom Fenster abzuwenden, um weiter ihrer Dinge nachzugehen, da warfen sie wie beiläufig einen verstohlenen, sekundenkurzen Blick ins Ladeninnere, um zu prüfen, was sich dort tat. Doch ohne uns wahrzunehmen, wendeten sie sich aber rasch wieder ab und gingen weiter und wir fühlten uns so, wie sich eben alte Giraffen im Zoo fühlen müssen. So ging das über Wochen und wir hatten uns daran gewöhnt.

Doch von einem Tag auf den anderen wurde alles anders. Nie hätte ich gedacht, dass es so einfach sein kann, einen Ponyhof aufzumachen, aber genauso war es. Ein junger Mann kam, putzte das Schaufenstern, klebte die Folie auf und legte eine Rechnung über einen Betrag von 52 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer auf den Tisch. Dann ging er wieder und wir waren ein Ponyhof. Und nun ging es los. Zuerst blieben die Leute wie immer vor dem Schaufenster stehen, sobald sie im Vorbeilaufen entdeckt hatten, dass etwas ausgestellt wurde. Die Fotos wurden begutachtet, dann die Preisliste, anschließend wieder die Fotos und zuguterletzt das Plakat. Doch bevor sie schließlich noch den verstohlenen Blick ins Ladeninnere  warfen, wanderte der Blick nun nach rechts, nämlich dahin, wo die neue Schaufensterbeschriftung klebte. „Das Büro ist kein Ponyhof. Könnte aber“ stand da in weißen Buchstaben und hatten sie den Text gelesen, stutzten sie, guckten abwechselnd auf die Fotos, das Plakat und die Schrift und dann, und das war völlig neu, begannen sie, ganz  selbstvergessen ins Ladeninnere zu starren, um die Ponys zu suchen und keine zu finden. Minutenlang. Irgendwo müssen doch diese Ponys sein! Wenigstens Pferde! Und nun kam der der schönste Moment, also der, wenn die Leute endlich begriffen, dass wir sie die ganze Zeit lang von unseren Schreibtischen aus beobachtet hatten. Und das war unser Einsatz. Ina fing an zu wiehern und ich legte mir die Hand mit den Fingern nach vorne auf den Kopf,  so dass sie wie eine Mähne über meine Augen baumelten, und schnaubte dabei wie ein Pferd nach dem Galopp.  Und dann lachten wir uns kaputt. Und als einmal einer von den Leuten durch die Scheibe zu uns hineinrief, nämlich „Wo ist denn jetzt dieser Ponyhof?“, da rief Ina zurück: „Was, Du findest Ronny doof?“ und  wir lachten so sehr, dass uns die Tränen über die Backen liefen.

Irgendwann war da diese Frau. Auf das Wiehern, das Schnauben und meinen Fingerpony reagierte sie nicht und als ich darum auf meinen Stuhl anfing, herumzuhoppeln wie ein Jockey auf dem Pferd, kam sie in den Laden. „Menschen, die Tiere mögen sind gute Menschen. Ich habe auch Tiere. Und die fressen mir die Haare vom Kopf. Kennen Sie den Zirkus da draußen im Park? Der gehört mir. Wir haben zwar keine Ponys, aber einen Elefanten und kein Geld für Heu zum Füttern. Haben Sie nicht was von ihren Ponys übrig und könnten uns nicht etwas spenden?” fragte sie. Das war natürlich etwas unangenehm, denn wie soll man einer Frau in einer solchen Situation sagen, dass wir nur ein theoretischer Ponyhof sind, in jedem Fall aber keine echten Ponys bei uns stehen haben? Also sagten wir der Frau, dass unser Heu mometan leider aus sei, wir hätten aber noch eine halbe Quiche Lorraine im Kühlschrank, die könne sie gerne mitnehmen, um sich mit wenigstens mit dem Elefantenwärter einen schönen Abend zu zweit zu machen. Die Frau sagte traurig, dann könne man wohl nichts machen, die Quiche aber nehme sie gerne mit. Sie packte das Stück, das Ina in Alufolie gewickelt hatte, in ihre Tasche und ging.

Am nächsten Tag fuhr ein Traktor vor und ein Bauer trug zehn große Heuballen ins Büro. “Habe ich bestellt. Man weiß ja nie. Ponyhöfe müssen für alles gerüstet sein”, sagte Ina und unterzeichnete den Lieferschein. Weil wir keinen Keller haben, haben wir die Ballen in den Besprechungsraum gepackt, schön in zwei Reihen aufeinander gestapelt. Den Konferenztisch haben wir verschenkt, für den war ja jetzt kein Platz mehr. Die Frau vom Zirkus kam nie wieder. Dafür lege ich mich nun manchmal mittags im Besprechungsraum ins Heu und schlafe ein bisschen. Im Heu schlafen, wo kann man so etwas heutzutage noch? Und überhaupt: warum eigentlich nicht? Man könnte doch. Wenn man eben nur wollte.

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