SEO oder was hat es eigentlich mit den Google-Guidelines auf sich?

Die neue Website soll nicht nur gut aussehen und eine optimale Performance bieten – sie soll auch im Netz möglichst weit oben in den Suchmaschinen gefunden werden. Suchmaschinenoptimierung ist eine Wissenschaft für sich. Nicht umsonst gibt es dafür längst einen eigenen Berufszweig, der sich hauptsächlich mit SEO, also Search Engine Optimization, beschäftigt. Und nicht zuletzt ändern Suchmaschinen wie Google immer wieder die Regeln. Die momentan wichtigsten Tipps und Tricks stellen wir Ihnen hier vor.

Die Indexierung
Damit eine neue Website in einer Suchmaschine wie Google gefunden werden kann, muss diese zunächst erst einmal wissen, dass es die Seite überhaupt gibt. Dafür gibt es den Google-Index, ein Verzeichnis, in dem alle Websites mit ihren Unterseiten gelistet sind. Neue Seiten werden automatisch hinzugefügt, sobald Google sie gefunden hat. Den Vorgang kann man beschleunigen, indem die neue Website angemeldet wird. Dafür legt man sich ein Konto bei den Google-Webmaster-Tools an und trägt die Seite dort einfach ein. Ist die Seite nun „indiziert“, bzw. „indexiert“, kann Google sie ab sofort crawlen. Das bedeutet, die Suchmaschine schaut nun in regelmässigen Abständen vorbei, um die Inhalte zu überprüfen. Je besser das Ergebnis ausfällt, umso höher wird die Seite bei den Suchtreffern gerankt. Wer einige Dinge beachtet, kann das Ergebnis allerdings entscheidend beeinflussen.

Die Google Guidelines
Welche Tipps und Tricks man beachten sollte, ist nämlich kein Geheimwissen: Google gibt die Regeln für jeden öffentlich einsehbar in den Google Richtlinien bekannt. Rund 200 Parameter sind es, die entscheiden, wie Google eine Seite bewertet. Die Richtlinien unterscheiden dabei zwischen drei Bereichen: Design/Inhalt, Technik und Qualität. Wissen muss man vor allem, dass die Richtlinien immer mal wieder geändert werden, um eine gleichbleibend hohe Qualität der Suchergebnisse zu gewährleisten – das letzte Update fand zum Beispiel erst Ende Oktober im technischen Bereich statt. Ausserdem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Google bestimmte Massnahmen als Verstoss wertet und mit Abwertung oder sogar Ausschluss der Seite aus dem Index abstraft.

On-Page-Massnahmen
Mit den letzten Änderungen der Richtlinien zeichneten sich einige Trends ab, auf die sich Betreiber von Websites prinzipiell einstellen sollten. Einer der wichtigsten: Seiten werden von Google mittlerweile so bewertet, als wäre die Suchmaschine ein normaler Nutzer, indem moderne Browser und nicht mehr, wie noch bis Mai letzten Jahres, textbasierte Browser beim Crawlen imitiert werden. Das bedeutet, dass nun auch JavaScript und CSS-Dateien in der robots.txt-Datei crawlbar sein müssen. Um das zu überprüfen, bietet Google das Diagnose-Tool „Abruf wie durch Google“ in den Webmaster-Tools an.

Dieser Trend bringt verschiedene Vorteile: Um die Vorgaben von Google einzuhalten, müssen SEO und User-Performance nun nicht mehr getrennt bearbeitet werden. Weitere Massnahmen, die hier dazugerechnet werden, sind eine durchdachte Seitenarchitektur und ein übersichtlicher Aufbau. Je besser sich ein User auf der Seite also zurechtfindet, umso besser wird das auch von Google bewertet. Auch schnelle Ladezeiten sind wichtig – diese kann man mit dem von Google bereitgestelltem Page-Speed-Tool einfach mal testen. Viel Wert wird ausserdem auf gute Texte, Fotos, Schlagworte und eine interne Verlinkung gelegt, während Keywords sparsam eingesetzt werden sollten.
Ein weiterer Faktor, der von Google mittlerweile mit einem Pluspunkt bewertet wird, ist Responsive Webdesign, also ob eine Seite auch beim mobilen funktioniert. Google führte dazu auch das neue Label „mobile friendly“ in den Suchergebnissen ein. Das Surfverhalten hat sich in den letzten Jahren schliesslich entscheidend geändert – längst wird nicht mehr nur mit dem Desktoprechner im Netz gesurft, sondern eben auch mobil mit Tablet oder Smartphone.

Off-Page: Social Media und Diversität
Neben verschiedenen On-Page-Massnahmen sind aber auch Off-Page-Massnahmen wichtig. Sie helfen nämlich dabei, Aufmerksamkeit zu schaffen und wichtige Backlinks zu generieren. Corporate Publishing heisst das Stichwort. Dazu gehört ein eigenes Blog genauso wie angebundene Social Media Kanäle. Wichtig ist dabei eine gegenseitige Wechselbeziehung, die Social Media-Massnahmen sollten also kein Eigenleben führen, sondern auf der Website integriert sein. Entscheidend ist ausserdem hochwertiger Content in Form gut geschriebener Texte oder audiovisueller Inhalte wie Videos oder Fotos, denn diese werden gerne gelikt und geteilt und führen somit zu mehr Interaktion. Die Inhalte sollten dabei weniger auf Eigenwerbung zielen, sondern informativ, interessant und unterhaltsam in Bezug auf die vertretene Themenwelt sein. Je besser das Zusammenspiel gelingt, umso mehr Social Signals gibt es und genau das wiederum wird von Google positiv bewertet.
Ein wichtiger Trend in diesem Zusammenhang: Unternehmen sollten auf Diversität in Sachen Social Media setzen und ihre Content-Strategie möglichst breit aufstellen, anstatt sich nur von ein oder zwei Plattformen abhängig zu machen. Denn nicht nur Google ändert immer wieder seine Algorithmen, auch die Plattformen tun das. Beiträge auf Facebook-Seiten erreichen derzeit zum Beispiel nur noch zwei bis drei Prozent der Fans, wenn keine Werbung gebucht wird. Daneben filtert Facebook als unrelevant bewertete Inhalte aus dem Stream einfach aus. Es ist also nicht ganz einfach, Aufmerksamkeit zu generieren. Wer seine Social-Media-Aktivitäten breiter streut und es schafft, seine Inhalte entsprechend passend für die Plattformen aufzubereiten, ist im Vorteil.

Es ist also einiges zu beachten, wenn man seine Seite gut vermarkten möchte. Google selbst fasst seine Richtlinien treffend im Bereich Qualität in einem Satz zusammen und sagt: „Erstellen Sie Seiten in erster Linie für Nutzer, nicht für Suchmaschinen“. Wer sich das verinnerlicht, hat damit den wichtigsten Punkt der Google Richtlinien verstanden.

Der Artikel erschien im Magazin „Am Start“.

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Wie die Alte Leipziger die Sache mit dem Internet gründlich vermasselte

Gehörig schief gegangen ist der Social-Media-Versuch des deutschen Versicherers Alte Leipziger: Das Unternehmen hatte auf seinem im Mai 2013 eingerichtetem Youtube-Kanal einige sogenannte „Erklär-Videos“ zu Themen wie Berufsunfähigkeitsversicherung, Lebensvesicherung oder Haftpflichtversicherung veröffentlicht. An sich keine schlechte Idee. Jedenfalls, wenn das Unternehmen dabei darauf verzichtet hätte, sich längst überholter und dümmlicher Rollen-Klischees zu bedienen und sich außerdem zuvor grundlegend mit dem Thema Social Media auseinandergesetzt hätte.

Eines der Videos ist zum Beispiel folgendes:

Der Ehemann verdient also das Geld und kümmert sich um die finanzielle Absicherung der Familie, die Ehefrau ist Hausfrau, völlig uninformiert über die finanzielle Situation der Familie und kocht aber ihrem Mann, nachdem er sie aufgeklärt hat, ein leckeres Essen. Die 50er-Jahre lassen grüßen.

Sechs weitere Videos gibt es, alle mehr oder weniger im selben Tenor: Junge Frauen, die versessen aufs Shopping sind, während ihre Partner sich für Technik interessieren. Söhne, die sportlich aktiv sind und dafür von hübschen Mädchen bewundert werden. Und nicht zuletzt Familienväter, die das Eigenheim ausbauen und sich Sorgen machen, wie sie das (allein) finanzieren sollen, um der schwangeren Freundin ein Heim zu bereiten. Videos also, die auf Rollenbildern basieren, die normale, aufgeklärte Menschen 2015 als überholt und antiquiert ansehen. Ob so etwas wirklich als gelungene PR-Maßnahmen angesehen werden kann? Wohl kaum.

Der eigentliche Punkt aber ist: Der Youtube-Kanal ist neben einer Facebook-Seite die einzige Social Media-Maßnahme des Unternehmens, es gibt keine regelmäßig gepflegte Präsenzen auf Twitter und auch kein Blog. Die Kommentarfunktion auf Youtube ist deaktivert, auf der Facebook-Seite außerdem werden mehr oder weniger nur Werbebotschaften rund ums Unternehmen verbreitet, von Dialog oder zumindest der Bereitschaft dazu ist nicht viel zu merken. Das bedeutet nicht nur, so gut wie keine Stimme im Netz zu haben, sondern vor allem, nicht zeitnah mitzubekommen, dass sich gestern auf Twitter ein Shitstorm gegen die Alte Leipziger unter den Hashtags #AlteLeipziger und #aufgewacht entwickelt hat. Und es gibt keinerlei Möglichkeiten, nun dort mit den aufgebrachten Leuten zu kommunizieren. Das ist aber wohl offensichtlich auch nicht erwünscht.

Interessant war auch, zu beobachten, wie sich der Sturm der Entrüstung auf Twitter entwickelt hatte: Bereits seit Tagen nämlich wurde über diese Videos im größten deutschen Texternetzwerk, dem Texttreff diskutiert. Über 800 Texterinnen, Journalistinnen, Autorinnen und PR-Fachfrauen sind hier organisiert und tauschen sich rege in einem internen Forum untereinander aus – Frauen also, die nicht nur publizistisch tätig sind, sondern auch über den Texttreff hinaus über Social Media und privat miteinander vernetzt sind – und das seit vielen Jahren. Und unter denen sich viele Influenzer befinden, also Leute, deren Stimme im Social Web etwas zählt. Der Ärger über die sexistischen Videos war enorm, eins der Mitglieder, Mela Eckenfels, stellte schliesslich im eigenen Blog drei Fragen an die Alte Leipziger und erhielt darauf auch prompt eine telefonische Antwort, die einigermaßen verblüffend ausfiel:

„Er versuchte das Gespräch darauf zu lenken, dass ich je alleine stünde, mit einer Ansicht.

Nein, sagte ich, diese Meinung teilten sehr viele.

Ob ich denn zu ‘so einem Feministenverein’ gehören würde, sagte er.

Mir platzte der Kragen. Ich kündigte an das Gespräch nun zu beenden, denn um diese Ansicht zu vertreten müsste man im Jahr 2015 wohl nicht zu ‘so einem Feministenverein’ gehören.

Er meinte, ich habe ja nun meine Meinung äussern dürfen und nun wäre er dran. Und meine Einstellung wäre ja schon so ziemlich feministisch.

Daraufhin erwiderte ich, dass ich es nun ganz einfach so machen würde, dass ich in meinem weiteren Leben einen großen Bogen um seine Versicherung machen würde.

Das sei gut, sagte er, denn sonst bekäme er es ja mit mir zu tun, und das wäre nicht so gut. Weder für mich, noch für ihn.“

Ziemlich daneben, vor allem aber ziemlich dumm. Denn natürlich tauschte man sich über diese Reaktion erneut im Texttreff aus Und formierte sich schliesslich. Das Ergebnis kann man heute auf Twitter sehen, wenn man unter dem Hashtag #AlteLeipziger nachschaut. Gleiches auf Facebook. Und nicht zuletzt wurden bereits erste Blogartikel zum Thema geschrieben:

Und dabei wird es sicher nicht bleiben, denn der Ärger im Netz ist groß – zu Recht, denn #Aufschrei ist eben noch nicht vorbei. Das mit diesem Youtube hat sich die Alte Leipziger sicher ganz anders vorgestellt…

Man kann nur hoffen, dass die Versicherung daraus lernt und erstens die dummen Videos aus dem Netz nimmt, sich zweitens ernsthaft mit dem Thema Gleichberechtigung befasst und sich drittens mit dem Thema Netzkommunikation gründlich beschäftigt. Dazu gehört, nicht nur die Mechanismen der Netzkommunikation zu verstehen, sondern auch Präsenz auf verschiedenen Kanälen zu zeigen, die regelmässig und gut betreut werden, um im Falle des Falles dort sofort reagieren zu können. Denn was auch immer die Alte Leipziger nun unternehmen wird: Der Schaden ist definitiv nicht mehr gut zu machen.


 

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Die Geschichte des Blogs

 Der Artikel erschien auch auf carta.info

Ende der 90er-Jahre wurden Blogs zu einem Massenphänomen. Waren Mitte der 90er gerade mal eine Handvoll Blogs online, sind es heute um die 200 Millionen. Ein guter Grund, sich die Geschichte des Blogs mal näher anzuschauen.

Die Themen, über die in den Blogs geschrieben wird, sind so bunt wie das Leben. Ob Tagebuch oder Mode, ob Kochen oder Technik, Autos oder Fotos, ob Reisen, Handarbeit, Gärtnern oder eben ein Corporate Blog – es gibt nichts, worüber noch nicht gebloggt wurde. Denn Menschen erzählen gerne und mögen es, sich mit anderen über ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen und ihr Wissen auszutauschen.

Die Geschichte des Blogs – wie alles anfing

Als offiziell erstes Blog gilt die Webseite von Tim Berners-Lee, die am 13. November 1990 online ging – als erste Website im gerade frisch eingerichteten World Wide Web. Der aus Manchester stammende Softwareentwickler arbeitete damals am CERN, dem europäischen Kernforschungszentrum bei Genf. Dabei wurde ein Computernetzwerk genutzt, mit dem die Wissenschaftler sich untereinander austauschten, doch das Problem war, dass die Mitarbeiter auf der französischen Seite – Genf ist fast vollständig von Frankreich umgeben –  eine andere Netzstruktur nutzten, was die Kommunikation erschwerte.

Berners-Lee entwickelte eine Lösung für das Problem. Nun konnte man mit HTML Webseiten beschreiben, sie über HTTP transferieren, sie dort über eine URL in einem Browser an einem anderen Ort abrufen – eben das, was das World Wide Web bis heute ausmacht. Die URL der ersten Website ist noch heute online, dort findet sich auch eine Kopie vom ersten Eintrag vom November 1990.

Tim Berners-Lee nutzte diese Seite, um dort über seine Idee zu schreiben. Er informierte über HTML, erklärte, wie man eine eigene Website erstellt und zeigte, wie man im WWW nach Informationen suchen konnte. Nach und nach begann er, diese Informationen zu ergänzen, und ein digitaler Zettelkasten entstand – dabei standen die neuesten Informationen, wie man das von heutigen Blogs kennt, immer oben – ein erstes, wenn auch nur mit rudimentären Funktionen ausgestattetes Weblog war somit online.

Berners-Lee ist mit der Erfindung des WWW übrigens nicht reich geworden, aber er ist ein bis heute viel geehrter Mann, den man zuletzt während seines Auftritts bei der Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in London sehen konnte.

1969 bis zu den 90ern: Arpanet, Internet und die Alternative Usenet

Dass Leute Texte zu allen möglichen Themen ins Internet schrieben, um sie mit anderen zu teilen und darüber zu diskutieren, gab es allerdings schon lange vor dem World Wide Web. Sogar Privates oder Geschichten wurden veröffentlicht – im Usenet war so etwas bereits üblich.

Doch von vorne: Zuerst gab es das Arpanet, das in den 60er-Jahren eingerichtet wurde, um es für militärische Zwecke zu nutzen. 1969 folgte das Internet, das im Unterschied zum Arpanet Universitäten miteinander vernetzte. 1979 wurde das Usenet ins Leben gerufen – als frei zugängliche Alternative zum Arpanet: Man benötigte einen Computer, eine Software und eine Telefonleitung oder andere Standleitung, genutzt wurde dabei das Unix-Protokoll UUCP.

Im Usenet gab es zu allen nur erdenklichen Themen unzählige Diskussionsforen in Textform, die sogenannten Newsgroups, und jeder, der mochte, konnte mitmachen. Dazu wurden Newsreader verwendet, die ähnlich wie RSS-Reader funktionieren. Noch heute wird das Usenet als Alternative zum Internet genutzt, allerdings mit rückläufigen Zahlen, derzeit wird die Zahl der Newsgroups auf  zwischen 50.000 und 170.000 geschätzt.

Die frühen 90er: E-Mail und Mosaic

Anfang bis Mitte der 90er-Jahre wurden Internet und vor allem E-Mail auch außerhalb der Universitäten populär – nach und nach wurde es üblich, nicht mehr nur im Büro, sondern auch daheim einen Computer zu nutzen, und wer ihn hatte, wollte mit ihm auch ins Netz.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich 1993 als Studentin der Universität Konstanz meine erste eigene E-Mail-Adresse bekam. E-Mails verschicken ging aber nur an der Unibibliothek, denn nur dort gab es einige Rechner, mit denen man ins Netz konnte. Und ich konnte nur an Kommilitonen mailen, denn ich kannte sonst niemanden, der eine E-Mail-Adresse hatte. Als ich mir 1998 zum Ende meines Studiums eine E-Mail-Adresse bei yahoo zulegte, sah das schon ganz anders aus.

Anfang der 90er wurden erste Browser entwickelt, mit denen Grafiken und interaktive Elemente angezeigt werden konnten, ohne dass man sie extra laden musste wie bisher. Der erste Browser war “ViolaWWW”, den Software-Entwickler und Künstler Pei-Yuan Wei als Student der Universität Berkely entwickelte hatte, 1992 folgte “Erwise” und 1993 schließlich “Mosaic” – später von Microsoft aufgekauft und zum Browser Netscape weiterentwickelt. Mosaic war kostenlos, Ende 1993 gab es bereits 2 Millionen Kopien. Zunehmend wurde nun auch privat im Netz gesurft – und das kam auch der Enwicklung des Blogs zu Gute.

1996 bis 2000: Frühe Blogs und die Erfindung des Namens dafür

Den Begriff “Blog” benutzte man damals allerdings noch nicht, gebräuchlich waren “Netzine”, “Fanzine” oder “Webzine” – wer damals schon im Netz unterwegs war, wird sich daran erinnern. Am 3. Januar 1996 ging mit Netzine das erste deutsche Blog online. Walter Laufenberg, der Betreiber, publizierte dort regelmäßig Gedanken zum Zeitgeschehen, ergänzt um Reisebilder, Essays und Geschichten. Der Begriff “Weblog” entstand erst ein Jahr später: Jorn Barger, der seit 1997 das Netztagebuch “Robot Wisdom” führte, um dort alle möglichen Links zu sammeln, aber auch, um persönliche Einträge zu veröffentlichen, hatte sich den Namen ausgedacht. Wie jeder weiß, setzt sich das “Weblog” aus den Begriffen “Web” für das Internet und “Log” für Tagebuch zusammen Bargers Blog mit den Einträgen von 1997 ist übrigens ebenfalls heute noch online.

Ein weiteres Blog aus dieser Zeit, das bis heute läuft, ist Scripting News von Softwareentwickler Dave Winer. Winer beschäftige sich Mitte der 90er mit Web Publishing und entwickelte dabei die Software Frontiers NewsPage Suite, mit der er sein Blog „Scripting News“ einrichtete. John Barger nutzte diese Software und andere folgten – Raphael Carter mit dem Honeyguide Weblog, Avram Grumer mit dem Pigs & Fishes Weblog, John Wilson mit dem „The Untitled Weblog“, William Humphries mit dem Whump Web Log, Laurel Kran mit dem „Windowseat Weblog“ sowie Steve Bogart mit Nowthis.com/log. Barger war dann irgendwann der erste, der im Zusammenhang mit dieser Gruppe von einer sozial vernetzten Community sprach.

Sehr lesenswert sind einige Einträge aus der Anfangszeit dieser Blogs:

  • Der zweite Eintrag im Whump Web Log stammt vom 1. Januar 1996 und darin steht: „Scripting News covers ‘scripting on all platforms – Dave Winer gave us the tools to do web logs, so he’s the father of us all. He continues to build on the Frontier scripting language and the new interface to Scripting News shows it“ .
  • John Wilson im Untiteld Weblog im Juli 1998, nachdem er sein Blog nach einer Pause reaktiviert hat, über die Sache mit den URLS und dem Verlinken: „I started this weblog back in June of 1998. It didn’t last very long, mainly because it was so much work to create a post. And there weren’t very many other weblogs to crib links off of (I can only think of three), so it was kind of hard to find new stuff. It was actually called “The untitled weblog” and I had this text at the top of the page: “Well, I wanted to start a weblog in the tradition of Jorn Barger and the Honeyguide Weblog, so I finally got around to it. Notice how I linked things back then: a little comment, followed by the link, followed by a blockquote excerpt. The text of the link is the URL itself, unless it was unacceptably messy, in which case I’d just make the link text say “[Messy URL]“. I will try to find working links to the URLs referenced in the posts, but I may not be able to. Sometimes the original link won’t work, but I can find the page or AP story archived somewhere else. So links that you follow may not be exactly the same original URLs that I linked to, but it’s still the same stuff.
  • Nowthis.com/blog – erster Eintrag vom 16. Dezember 1998 – man beachte das schicke Design :-): 9. Dezember 1998.

1998 – 2004: Bloggen wird populär

Zur Verbreitung der Blogs positiv beigetragen haben vor allem neue Dienste wie Xanga. Die Community wurde 1996 eingerichtet. Ohne großen Aufwand und technisches Know how war es nun möglich, sich eine Seite einzurichten, auf der man Sachen ins Internet schreiben konnte. 1997 gab es dort 100 Blogs, 2005 20 Millionen. Weitere Bloganbieter waren Open Diary (Gründung 1998), blogger.com (Gründung 1999) oder LiveJornal (Gründung 1999). Vor allem LiveJournal setzte dabei von Anfang an stark auf den Community-Gedanken.

Ich glaube, dass Blogs immer beliebter wurden, hat auch damit zu tun, dass es zu dieser Zeit im Netz noch nicht allzu viel zu sehen gab. Ich war seit 1998 regelmäßig online – interessant waren damals vor allem Seiten wie Ebay, Amazon,  Spiegel Online, doch viel interessanter fand ich meine allererste Social Community, in der ich mir ein Jahr später ein Profil anlegte, nämlich Cycosmos. Dort konnte man sich Avatare mit bunten Haaren basteln, in einem virtuellen Raum hin- und herlaufen und eben mit anderen chatten. Das war allerdings ein bisschen anstrengend, weil das Netz furchtbar langsam war und man dauernd herausfiel …

1999 setzte sich der Name “Blog” durch – Webdesigner Peter Merholz prägte ihn damals. Vor allem in den USA wurden Blogs sehr schnell populär. Sich politisch zu beteiligen und seine eigene Meinung über die Medien zu verbreiten, hatte im typisch amerikanischen “Citizen Journalism” schon so etwas wie eine eigene Tradition, nun wurde dafür auch das WWW genutzt. Und waren Blogs bisher eher Seiten, auf denen man kommentierte Links veröffentlichte, begann man nun, längere Texte zu veröffentlichen.

Ein Meilenstein in der Geschichte des Blogs war die Erfindung von RSS im Jahr 2000: Blogs konnten nun einen Feed anbieten, der über neue Artikel oder Kommentare informierte, wenn man ihn abonniert hatte – ohne dafür die Seite aufsuchen zu müssen.

Der 11. September 2001 und die War-Blogs im Irak-Krieg

Vor allem nach dem 11. September 2001 wurden viele neue Blogs gegründet, in denen über Gefühle und Meinungen zu den Terroranschlägen geschrieben wurde. Else Buschheuer, deutsche Autorin, lebte von 2001 bis 2005 in New York und berichtete in ihrem Blog damals live von den Anschlägen – das Blog gibt es mittlerweile leider nicht mehr, Auszüge aus dem Blog wurden aber in verschiedenen Büchern veröffentlicht. Andere Blogs wie Politcial Wire, Daily Kos oder Instapundit gewannen schnell hohe Leserzahlen – 2002 lasen zum Beispiel täglich 200 000 Leser bei Instapundit, was der Reichweite einer Zeitung entspricht.

Im Irak-Krieg nutzten Jornalisten, Mitglieder von Hilfsorganisationen, Soldaten und irakische Bürger Blogs, um aus den Kriegsgebieten zu berichten – diese „War-Blogs“ galten als Alternative zu den von der amerikanischen Regierung kontrollierten Journalisten. Im Blog Where is Raed wurde beispielsweise über den Alltag im Bagdad berichtet – bis zu drei Millionen Leser erreichte er damit zu Spitzenzeiten pro Tag. Lisa Sonnabend hat das alles sehr interessant bei Netzthemen thematisiert.

Auch erste Shitstorms gab es: Nachdem sich Senator Trent Lott im Dezember 2002 auf einer Veranstaltung rassistisch geäussert hatte und die Medien darüber nicht berichteten, schafften Blogger es, das Thema so lange hoch zu halten, bis in den Medien doch berichtet wurde und Lott zurücktreten musste. Ein andere Fall war das so genannte „Rathergate“ 2004: Dan Rather, Journalist, hatte in einer TV-Show von CBS Dokumente gezeigt, die – zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl – Verfehlungen George Bushs beim Militärdienst nachweisen sollten. CBS veröffentlichte diese Dokumente auf seiner Website. Zahlreiche Blogger reagierten und bewiesen schließlich, dass diese Unterlagen nicht der  Wahrheit entsprechen konnten. Mehr dazu hier bei „Journalist und Optimist“: „Warum ich Blogs lese – Im Pyjama im Wohnzimmer sitzen“.

Die  frei zugängliche Blogsoftware Pitas (1999) und Plattformen Blogger.com (seit 1999), Antville.org (seit 2001) oder WordPress.com (seit 2005), die den Usern Webspace und ein einfach bedienbares CMS zur Verfügung stellten, taten ihr Übriges. Xanga meldete 2005 20 Millionen Blogs. 2010 waren schließlich etwa 200 Millionen Blogs online –  wobei es aber nicht ganz so einfach abzuschätzen ist, wie viele von diesen Blogs tatsächlich aktiv geführt werden.

2007: Microblogging

Mit MySpace (Gründung 2003) begann so etwas wie eine neue Ära des Bloggens: Statt längerer Artikel wurde nun das Posten von kurzen Nachrichten beliebt, untermalt mit Links oder Fotos. Facebook (Gründung 2004) und Twitter (Gründung 2006) sind die bekanntesten, daneben gibt es ganze Reihe weiterer, eher unbekannter Dienste wie Diaspora, Heello oder Path.

Die großen Plattformen richteten sich an unterschiedliche Zielgruppen: Facebook konzentrierte sich anfangs auf Studenten, bei MySpace ging es vorrangig um Musik und Bands, und Twitter mit seiner Beschränkung auf 140 Zeichen Text wurde zum Austausch von Links und Nachrichten genutzt. 2011 kam Google+ dazu, das Angebot konnte sich bisher aber nicht beim Massenpublikum etablieren. Instagram ist im Grunde ebenfalls ein Microblogging-Angebot, nur eben eines für Fotos. Auch Posterous und Tumblr gehören in die Gruppe der Micro-Blogging-Dienste, bieten aber deutlich mehr Platz und können im Grund auch als Blog genutzt werden.

Vor allem zwei Aspekte zeichnen diese Anbieter aus: Es sind Plattformen, auf denen die breite Masse unterwegs ist, so dass man hier schnell viele Follower – also Leser – gewinnen oder einen Großteil seiner Freunde und Bekannten finden kann. Auf der anderen Seite verliert man aber auch ein Stück seiner Unabhängigkeit, weil man seine Inhalte in die Hände anderer gibt: Mitmachen ist in der Regel mit einer Abtretung der eigenen Rechte verbunden.

Ganz im Unterschied zu selbst gehosteten Blogs, wo alle Inhalte im eigenen Besitz bleiben, und das, solange man es möchte. Microblogging-Anbieter wird es dagegen nicht immer geben – von MySpace spricht schon heute kein Mensch mehr.

Und ich? Und Sie?

Ich selber habe übrigens erst 2008 mit dem Bloggen angefangen. Damals hatte ich ein Blog, das von einer Lokalzeitung gehostet wurde – auch kleine Zeitungen versuchten damals, auf den Bloggerzug aufzuspringen und eine Bloggerplattform anzubieten – meistens allerdings recht erfolglos wie auch hier, das Angebot wurde sehr lieblos betreut und mittlerweile eingestellt. Ich zog sehr bald zu WordPress um und betrieb dort meine Blogs „offensichtlich“ und später noch das „Extrablatt“, die von WordPress gehostet wurden. Letztes Jahr zogen beide Blogs auf eigene Domains um – „offensichtlich“ wurde hier weitergeführt, das Extrablatt wurde zu „Einsneunsiebenzwei“. Parallel nutze ich auch  Micro-Blogging-Dienste wie Facebook und Twitter – meine Seiten bei Google+ und die Unternehmensseite bei Facebook habe ich mittlerweile eingestellt, um mich wieder mehr auf das „richtige“ Bloggen zu konzentrieren.

Und nun Sie! Wann haben Sie Ihren ersten Blog eingerichtet? Wie haben Sie die Anfangsphase des Bloggens erlebt? Erzählen Sie hier ruhig davon oder schreiben Sie einen Blogeintrag darüber – ich freue mich auf interessante Beiträge!

Links:

Wer sich noch weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, hier noch einige interessante Artikel:

Kathy Gill: „How can we messure the Influence of the Blogosphere?“ (PDF)

Wer mehr über die Anfangszeiten des Bloggens wissen möchte, sollte bei tawawa.org den Artikel „Jorn Barger,the NewsPage Network, and the Emergence of the Weblog Community“ lesen.

Wer sich dafür interessiert: Bei WOM erschien heute dazu ein interessanter Artikel: „Internetzeitalter – Wie Blogs die Welt verändern können“.

Lisa Sonnabend: „Das Phänomen Weblogs – Beginn einer Medienrevolution?“

 

 

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Online-Shops: 10 Tipps, mit denen sie erfolgreicher werden

onlineshopping

Onlineshopping über mobile Endgeräte wie Smartphone oder Tablet sind mittlerweile Standard geworden. Mit ein paar Tricks kann man den Shop deutlich attraktiver für seine Kunden gestalten – denn nur wenn die Usability einer Seite gewährleistet ist, wird ein Shop von Kunden gerne aufgesucht – und schliesslich dort nicht nur einmal, sondern immer wieder eingekauft.

 

  • Eine schnelle Performance: Wer über Festnetz oder Funknetzwerke surft, ist in der Regel immer etwas langsamer unterwegs als jemand, der die Seite über den Desktop besucht. Damit eine Seite für mobile Besucher attraktiv ist, zählen jede Sekunde und jedes Byte.

 

  • Intuitive Bedienbarkeit: Sich mit dem Smartphone von Seite zu Seite durchzuklicken, um unterwegs an die gewünschte Information zu kommen, macht keinen Spass. Inhalte müssen intuitiv auffindbar sein. Online-Shops, die nach dem Prinzip Mobile First gestaltet sind, unterstützen das. Navigation, Inhalte und Funktionen müssen für den Besucher einfach bedienbar und inhaltlich verständlich sein.

 

  • Angemessene Schriftgrössen: Textbausteine und Menüpunkte in winziger Schrift, die man erst heranzoomen muss, sind lästig. Vor allem, wenn man nicht wie auf dem Desktop mit der Maus, sondern mit dem Finger navigiert.

 

  • Möglichst wenig Scrollen: Ewig lange Seiten, auf denen man sich erst mit dem Finger nach unten scrollen muss, um die eigentlich interessante Information zu finden, sind lästig. Der Shop sollte so gestaltet sein, dass nur die wirklich wichtigsten Informationen enthalten sind.

 

  • Angemessen grosse Eingabefelder: Auch Eingabefelder sollten gross genug sein, so dass man sich eingeladen fühlt, sie auch zu benutzen – zum Beispiel, um in der „Suche“ nach Produkten zu suchen oder sich mit seinem Account einzuloggen, um das Produkt sofort zu bestellen.

 

  • Ansprechendes Design: Die Website sollte auch auf dem Smartphone attraktiv und ansprechend aussehen, denn nur so animiert sie, auch eine Weile zu bleiben, um im Onlineshop zu stöbern. Besucher, die auf die Seite mit mobilen Endgeräten besuchen, erwarten, dass die Seite genau so attraktiv wie auf dem Desktop aussieht – sie sind keine Besucher zweiter Klasse.

 

  • Alles am gewohnten Platz: Egal, ob man mit dem Smartphone oder über den Desktop auf der Seite surft: Gleiche Elemente sollten sich immer am gleichen Platz befinden, um Sehgewohnheiten nicht zu unterbrechen. Das Feld für die „Suche“ oder der „Einkaufswagen“ gehören zum Beispiel prinzipiell nach oben rechts.

 

  • Gleiche Symbole und gleiche Bildsprache: Buttons und Links sollten auf allen Screens gleich aussehen, um beim Wechsel der Plattform keine Verwirrung zu schaffen. Damit sie auf den kleinen Screens funktionieren, kann man eventuell kontraststärkere Variationen einsetzen, damit man auch bei Tageslicht gut sehen kann.

 

  • Gleiche Informationen auf allen Screens: Besucher von Online-Shops möchten in der mobilen Version keine Informationen vorenthalten bekommen, die man auf der Desktop-Version lesen kann. Auf allen Screens sollten die gleichen Informationen zu finden sein.

 

  • On- und Offline miteinander verzahnen: Bei der Gestaltung das „ROPO“-Prinzip beachten: „Reserach Online – Purchase offline“. Wer mobile surft, möchte sich zum Beispiel eventuell vorab über Verfügbarkeiten im Laden vor Ort informieren oder aber wissen, wo sich der nächste Laden befindet und wie er von dem Ort, an dem er sich gerade befindet, am schnellsten dorthin kommt.

 

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Sülz oder Toast Hawaii bei Frau G.

Kuchen

Als ich den Mann damals kennengelernt hatte und er mir erklärte, er sei gebürtiger Sülzer, dachte ich an gekochte Schweinekopfteile mit ein paar Möhren in Glibber. „Sülz“, erklärter er mir, „Sülz, das ist ein Stadtteil in Köln.“ – „Sülz, wie sich das anhört!“ sagte ich „Da denkt doch jeder an Schweinskopfsülze! Das ist ja fast so schlimm, wie sagen zu müssen, man leben in Darmstadt. Du Armer!“ Wir sprachen erst einmal nicht mehr über Sülz.

Ein paar Monate später brach ich meine Zelte in Konstanz ab, packte alles, was ich besaß, in einen großen LKW und zog um. Nach Sülz. Nur ein paar Straßen weiter von der alten Wohnung des Mannes hatten wir unsere Traumwohnung gefunden: groß, ruhig, super Schnitt, katzentauglich, top Verkehrsanbindung, viel Grün drum herum, große Terrasse, nah zur Firma des Mannes und nah zur Wohnung seiner Eltern. Fragten mich Konstanzer Freunde, wo der Mann und ich künftig zusammen leben würden, hatte ich nun allerdings ein Problem. „Wir ziehen nach Sülz“ klingt nicht unbedingt danach, als hätte man sich einen Ort ausgesucht, für den man nach 38 Jahren am Bodensee alles aufgeben sollte. Meine Freunde seufzten, schüttelten besorgt den Kopf und erklärten mir, wenn ich es da in diesem Sülze nicht aushalten würde, könne ich jederzeit zurückkommen und notfalls auch bei ihnen wohnen. „Nein, nein!“, sagte ich. „Alles in Ordnung. Sülz ist ein Kölner In-Stadtteil, da eröffnet gerade eine Galerie nach der anderen, die Mieten explodieren und wer eine Sülzer Adresse hat, kann damit sein Banken-Scoring um mindestens 25 Prozentpunkte verbessern. Sülz ist super!“ – „Ach so“ sagten dann meine Freunde und: „Na, Du hast ja unsere Nummer, ruf einfach an, wenn es dort nicht gut läuft.“ Als mich ein Kunde fragte, wohin ich ziehen würde, versuchte ich es also mit etwas anderem: „Von der neuen Wohnung sind zu Fuß nur fünf Minuten zum Geißbockheim“, sagte ich. Geißbockheim, Fußball, Poldi – das würde Eindruck machen. „Was, Ihr wohnt bei einem Ziegengehege?!“ rief er entgeistert. Also erklärte ich wenig später meiner Nachbarin auf ihre Frage, wo wir denn wohnen würden: „Ach, wir wohnen am Stadtrand, Richtung Bonn.“ – „ Ach, bei der Hauptstadt! Ja, da haben Sie aber viel Glück gehabt, Bonn ist ja so viel schöner als Köln!“ strahlte sie und war zufrieden.

Mittlerweile lebe ich seit eineinhalb Jahren in Sülz. An den Namen habe ich mich noch immer nicht gewöhnt, aber ich finde, er klingt zumindest deutlich besser als „Nippes“ oder gar „Busenbach“, wo ein Teil meiner Familie her stammt und das ist ja schon mal etwas. Und erzähle ich hier in Köln Leuten, wo ich wohne, ernte ich meist bewundernde Blicke. „Och, Sülz, toll, da ist es doch so schön!“, sagen sie dann. Ich habe mir allerdings abgewöhnt, darauf zu antworten: „Ja, ich mag es auch, wir wohnen ganz hinten am Park, in einer Minute sind wir im Grünen.” Denn meistens lautet die Antwort dann: „Park? Wo ist denn da ein Park?“

Ja, es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich gelernt hatte, dass man in Köln unter dem Adjektiv „schön“ in Zusammenhang mit einer Beschreibung Kölns etwas völlig anderes versteht, als man das am Bodensee tun würde. „Schön“ im Zusammenhang mit einer Beschreibung einer Stadt bedeutet für mich etwas mit liebevoll renovierten mittelalterlichen Häusern mit Geranien auf den Balkonen und Hortensien in den Vorgärten. Es gibt gemütliche Altstadtgassen mit Kopfsteinpflastern und Buchsbäumen in Tontöpfen, die sich die Leute vor ihre blaulackierten Haustüren neben die Holzbank stellen, um dort abends eine Pfeife zu rauchen. Und im Hintergrund ist immer die Weite des Sees mit seinem Alpenpanorama. Postkartenidylle eben. Die mich damals, als ich sie tagtäglich erlebte, genervt hat, die mir aber hier in Köln schnell fehlte. Denn hier ist alles so ganz anders. Köln ist schrecklich hässlich und architektonisch eine Katastrophe, wer einmal rund um den Dom gelaufen ist, weiß, was ich meine. Das ist natürlich vor allem der Historie geschuldet, Köln wurde im Krieg zu über 90 Prozent zerstört und wie soll man in nur wenigen Jahrzehnten aufbauen, was zuvor in Jahrhunderten entstanden war. Das geht nicht. Ich habe mir darum auch schnell abgewöhnt, über die Hässlichkeit dieser Stadt herzuziehen. „Köln ist schön“, damit meinen die Kölner glaube ich: „Wir lieben unsere Stadt vor allem dafür, dass es sie wieder gibt.“ Und nur so kann ich mir auch die übergroße Liebe der Kölner zu ihrem Dom erklären, denn dass dieser vom Bombenhagel verschont geblieben war, während alles, wirklich alles rundherum in Schutt und Asche zerbombt worden war, ist ein Wunder. Wäre auch er zerstört worden, wer weiß, was dann aus der Stadt geworden wäre.

Was Sülz, den Stadtteil, in dem ich lebe, genau ausmacht, weiß ich nicht so genau. Ich finde es hier nicht besonders schön, aber auch nicht aufregend hässlich. Ich mag, dass wir in einer Gehminute im Beethovenpark sind, dass die nächste Bahnhaltestelle in 200 Metern entfernt liegt und dass wir, als Nicht-Autofahrer, eine gute Anbindung den ÖPNV haben. Ich schätze die guten Einkaufsmöglichkeiten in der Sülzburgstraße oder in der Berrenrather und der Luxemburger Straße. Ich liebe unsere Wohnung und bin glücklich darüber, dass die Katzen viel Grün ums Haus herum haben und dass uns die Eichhörnchen auf dem Balkon besuchen. Seit ein paar Wochen habe ich sogar ein Büro in Sülz. Ich mag auch, dass in der Nähe viele wohnen, die wir kennen und mögen und dass ich in Sülz, obwohl ich erst seit kurzem hier lebe, immer mal wieder Bekannten über den Weg laufen.

Als mir das zum ersten Mal passiert war, hatte ich hinterher kurz geweint, so sehr hatte mich das gerührt. In Konstanz, wo ich so lange gelebt habe, traf ich immer und überall Bekannte, da war das ganz normal. Ungeschminkt und verlottert aus dem Haus gehen – unmöglich. In Köln dagegen kannte ich anfangs gerade mal zehn Personen persönlich und das war vielleicht auch das, was für mich an diesem Umzug nach Köln am schwierigsten war: Niemanden mehr auf der Straße treffen, der weiß, wer man ist und was man tut. Doch das hat sich schnell geändert. Mittlerweile treffe ich öfter Bekannte, Leute aus meinem Arbeitsumfeld, Kollegen vom Mann, Nachbarn und in mindestens zwei Kiosken winkt man mir außerdem zu, wenn ich draußen vorbeifahre, sogar Kunden habe ich mittlerweile in Sülz, was mich unwahrscheinlich freut. Und natürlich wohnen hier viele, die ich über Twitter kenne, einer von ihnen war sogar mal mit der kleinen Schwester vom Kindergartenkumpel meines Bruders zusammen.

„Typisch Sülz“ ist für mich vielleicht, dass in der Berrenrather Straße ständig idiotische Autofahrer ihre Autos in zweiter Reihe parken und ich ganz genau weiß, dass ich eines Tages deswegen einen fürchterlichen Fahrradunfall haben werde. Mich nervt, dass in sämtlichen Sülzer Supermarktbäckereien schlechtes Industrie-Backmischung-Brot verkauft wird. Und über die Sache mit den Sülzer Postfilialen habe ich ja schon mal an anderer Stelle berichtet.

In meinem Supermarkt hängt neben der Kasse ein riesiges Sülz-Plakat von einem Kölner Zeichner, das man dort erwerben kann. „Köln-Sülz“ steht in der Mitte in riesigen Lettern zu lesen und man sieht Sülz so, wie er es mit seinen eigenen Augen sieht: Dicke, herumsausende Hunde, rundliche fröhliche Frauen mit Kinderwagen und weiteren Kindern im Schlepptau, ein Regenbogen, der Dom, ein Fahrradfahrer und zwei, drei Katzen, die von Hunden gejagt werden. Auf dem, von mir sehr geschätzten Lokal-Blog Sülz-Köln.de wurde das Plakat vor ein paar Tagen kritisiert: das habe mit Sülz nicht viel zu tun, es gäbe viele andere Dinge, die viel typischer für den Stadtteil wären. Und auch dass Sülz immer wieder mal gerne als das „Prenzlauberberg Kölns“ bezeichnet werde, weil die Geburtenrate hier recht hoch ist, sei nicht ganz richtig, denn die sei an anderen Orten auch hoch. Ich sehe das ähnlich, ich finde das Plakat hübsch, aber ein wenig beliebig. Was dann allerdings wirklich komisch war, war die Reaktion, die die Kritik hervorrief: In einem anderem Blog reagierte man ziemlich empfindlich, vermutlich, weil man mit dem Künstler befreundet ist, vielleicht aber auch aus anderen Gründen. Wütend wurde nämlich mit einer Demonstration (!) durch Sülz gegen das Sülz-Portal gedroht. Leider wurde die Demo nach einem halben Tag wieder abgeblasen, stattdessen will man nun aber immerhin einen offenen Brief veröffentlichen, um darin zu erklären, dass man die Kritik doof fand. Sülz, das ist eben ein bisschen wie eine Kleinstadt mit all ihren kleinen Streitereien und Skandälchen. Herrlich.

Als mir der Mann damals erzählte, dass er gebürtiger Sülzer sei, hatte er mir übrigens auch einen Zeitungsartikel aus dem Kölner Stadtanzeiger in die Hand gedrückt. Er heißt „Der Affe auf dem Dach” und darin steht unter anderem das hier:

“In den 15 Jahren, die ich nun schon hier lebe, ist mir meine Arnulfstraße ans Herz gewachsen. Warum? Weil sie mir die Angst vor der Einsamkeit in der Großstadt genommen hat. Wer wie ich in einem 800-Einwohner-Dorf im hessischen Hinterland aufgewachsen ist, weiß bestimmt, wovon ich spreche. Anonymität ist auf Dauer nichts für mich. Ich brauche den Austausch mit Freunden und Nachbarn, und sei es nur für einen kurzen Plausch auf der Straße.

Heute hab ich frei, und bei dem Wetter hält mich auch nichts in der Wohnung. Kaum habe ich die Tür abgeschlossen, steht auch schon Frau G. mit einem Teller frisch gebackenem Kuchen vor mir. Es gibt wenige Dinge, für die ich Straftaten begehen würde, Apfelkuchen gehört definitiv dazu. Ich bedanke mich höflich und entschuldige mich für die laute Musik. „An sich mag ich solche Sachen ja nicht“, strahlt mich Frau G. an, „aber was Sie da hören, gefällt mir richtig gut.“ Wer hat eigentlich behauptet, dass nur junge Leute Punkmusik mögen?

Und wenn ich auch nicht genau sagen kann, wie Sülz für mich so ist,  am ehesten ist es das, was der Autor hier beschreibt: Sülz, das ist ein bisschen Nestwärme. Frau G. ist übrigens meine Schwiegermutter. Und weil in dieser Woche der (und bald mein) Mann nicht daheim ist, hat sie mich heute Abend zum Abendbrot eingeladen, damit ich nicht die ganze Woche alleine daheim essen muss. Es gibt Toast Hawaii.

 

 

 

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Rüch dat?

Ich stehe in einer Sülzer Apotheke und warte auf den Apotheker, der mich gerade bedient. Eine Salbe brauche ich, denn der Mann hat Rücken. “Eine Tube XY bitte” sagte ich zum Apotheker. “Moment, die muss ich holen, ich bin gleich zurück”, sagt der Apotheker und geht nach hinten.

Eine ältere, recht runde Dame betritt die ansonsten leere Apotheke, sie trägt einen pinkfarbenen Anorak, hellblauen Lidschatten, goldenen Nagellack und einen blonden Minipli und ich beschließe, möglichst nicht mehr hinzuschauen. Sie steht nun rechts neben mir. Der Apotheker kommt zurück und bringt das Gel. “Das kühlt super”, sagt er. “Kühlen? Äh, ne, ich brauche eher etwas, das warm macht. Dann war es wohl doch die Salbe von Y”, sage ich. Der Apotheker nimmt die Tube und marschiert wieder in den Hinterraum.

Die Dame neben mir hat mittlerweile die riesigen Parfumflaschen auf der Theke entdeckt, die vor einem Aufsteller aufgebaut sind. Drei Sorten gibt es, eine Flasche ist cremegelb, die andere aprikot, die dritte mintgrün. Die Dame nimmt sich den cremegelben Tester und sprüht sich fünf Mal ausgiebig auf den linken Ärmel. Eine Duftwolke wabert zu mir herüber. Warmgewordenes Zitroneneis, Apfelwaschmittel, Fußschweiß und Hühnerpisse, denke ich, und versuche, mich auf die vor mir auf der Theke stehenden Adventskranz zu konzentrieren. Die Dame beschnuppert ihren Ärmel, nimmt nun die mintfarbene Flasche und sprüht sich sieben Mal ausgiebigst auf den rechten Ärmel. Überreife Birnen, Moschus, Patschuli, schimmlige Himbeermarmelade, volle Babywindeln, Pumakäfig und vermodernde Maus, denke ich, und klammere mich an der Theke fest. Mir ist schwindlig. Die Dame beriecht den neu bedufteten Ärmel, schüttelt den Kopf, nimmt sich die aprikotfarbene Flasche und besprüht sich wieder den rechten Ärmel, diesmal die Unterseite. Matschige Pfirsiche, verdorbenen Erdbeerkuchen, ans Bodenseeufer angespülte faulige Algen, tote Kuh, frittierte Jauche und vier Wochen im Hochsommer in der Sonne stehende Biotonne, denke ich und überlege, ob ich lieber in meine Einkaufstüte oder in meinen Schal kotzen soll.

Der Apotheker kommt zurück, in der Hand nun die Salbe. “Ich hab sie!”, sagt er zu mir und dann zur Wolke der Hölle neben mir: “Ah, Guten Tag, Frau Schmitz!” Er tippt den Preis auf der Kasse ein. “6,49 Euro. Eine Tüte dazu?” – “Danke, nein, geht so, ich stecke sie in meinen Stiefel”, sage ich hechelnd und zerre an meiner Jacke, um irgendwie an Luft zu kommen. Die Dame stellt die aprikotfarbene Flasche zurück, schüttelt wieder den Kopf. Ihre Minipli federt wellenartig nach. “Rüch dat? Isch rüch nix!” sagt sie. Der Apotheker schnuppert in Richtung Dame, stutzt, schnuppert nochmal und dreht sich schwer atmend zu mir zurück. “Einfach drei Mal täglich damit die Füße einreiben und der Fußpilz kommt nie wieder”, sagt er, schwer schnaufend. Ich reiche ihm 2o Euro. “Stimmt so”, keuche ich, während ich mich an der Theke festhalte, um nicht umzukippen. Der Apotheker öffnet die Kasse, steckt den Schein hinein, zieht einen 50er und einen 10er raus. “Hier, Ihr Restgeld!”, japst er und gibt mir die Scheine, bevor er sich in die Kasse übergibt. “Die Füße einreiben? Ich dachte, inhalieren?” röchele ich und übergebe mich nun in die Mitte des Adventskranzes. “Nein, bloß nicht inhalieren! Rühren Sie sich lieber einen Tee damit an, eine halbe Tube auf eine Tasse. Dann schluckweise trinken!” ächzt er zwischen zwei weiteren Schwällen von etwas, das ich mir nicht näher angucke, über die Kasse gebeugt. “Ah, super, danke!” krächze ich und sacke zusammen, während ich mir die Salbe in den Pulli stopfe. Bevor ich ohnmächtig werde, höre ich die Dame im Hintergrund aufschreien. “Jetz han isch et! Hühjazinnte! Dat sin Hühjazinnte!”

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Der Tag des guten Lebens in Köln-Sülz

Tag des guten Lebens

Nachdem der „Tag des guten Lebens“ letztes Jahr in Ehrenfeld ein riesiger Erfolg war, soll er in diesem Jahr auch in Sülz durchgeführt werden. Am 21. September ist es soweit: Einen Tag lang bleiben einige wichtige Sülzer Straßen autofrei. Somit ist viel Platz für zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen rund um das diesjährige Motto „Freiraum – Gemeinschaftsraum“. Der Tag ist allerdings nicht einfach ein kommerzielles Straßenfest mit Buden und Unterhaltungsbühne, vielmehr sind die Sülzer dazu aufgerufen, diesen Tag selber so zu gestalten, wie sie ihn haben möchten.

Der „Tag es guten Lebens“ in Sülz findet im Rahmen der „Europäischen Aktionswoche der Mobilität“ statt, die mittlerweile in einigen deutschen Städten mit einem autofreien Tag begangen wird. Doch in Sülz geht es um viel mehr als einfach nur darum, mal einen Tag das Auto stehen zu lassen. „Natürlich kann man Autos für ein paar Stunden aus den Straßen verbannen. Aber am

nächsten Tag sind sie ja wieder da, so als ob nichts gewesen wäre. Das ist nicht unbedingt nachhaltig“, sagt Davide Brocchi, von dem die Idee für diesen Tag stammt. Der diplomierte Sozialwissenschaftler lebt seit drei Jahren in Sülz und kennt somit nicht nur die Belange des Veedels, sondern beschäftigt sich auch beruflich mit den sozialen und kulturellen Aspekten von Nachhaltigkeit.

Für Bürger seien die Möglichkeiten, sich aktiv für ihre Städte einzusetzen, in den letzten Jahren immer weniger geworden, sagt Brocchi. Das habe verschiedene Gründe. Einer davon sei, dass es immer weniger Freiräume gäbe. Städtische Schulden, Ökonomisierung und Privatisierung hätten dazu geführt, dass immer mehr öffentliche Einrichtungen geschlossen werden, kleine Bühnen zum Beispiel oder soziokulturelle Zentren. Aber auch frei zugängliche Räume wie Spielplätze, Grünflächen und Parks seien knapp. Freier Raum seien aber auch einfach ein leerstehendes Gebäude, die zeitweise für Projekte genutzt werden oder ein schön gestalteter Innenhof, in dem sich die Anwohner treffen. Gemeinschaft könne ohne solche Freiräume nur schwer entstehen, sagt Brocchi. Auch die Möglichkeiten, politisch etwas zu verändern, seien gering – von oben werde regiert, von unten ist es dagegen schwer, etwas zu bewirken. Man könne allerdings im direkten Umfeld beginnen und versuchen, das zu verändern und zu verbessern, was vor der eigenen Haustür passiert.

Brocchi stellte sich also die Frage, wie man Anwohner mit Leuten aus der Kultur und der Umweltbewegung an einen Tisch bekommt, um gemeinsam zu überlegen, wie der Stadtteil, in dem man lebt, gestaltet werden kann, so dass er für alle lebens- und liebenswert bleibt. So entstand die Idee des „Tag des guten Lebens“. Schnell fand er Gleichgesinnte und die „Agora“ entstand, ein Zusammenschluss aus mittlerweile 116 Kölner Organisationen aus den Bereichen Zivilgesellschaft, Umweltbewegung, Kultur und lokale Ökonomie. Beim Tag des guten Lebens in Ehrenfeld unterstützte sie letztes Jahr mit Konzepten und Infrastruktur und so ist es auch in Sülz geplant. Aber auch die Bürger beteiligten sich und nahmen an den öffentlichen Treffen teil.

Viele organisierten sich außerdem in kleinen Gruppen, um für ihre Straßen selber verschiedene Aktionen zu planen – und treffen sich weiterhin bis heute. So sei etwas Nachhaltiges für den Stadtteil entstanden, sagt Brocchi und das wünscht er sich auch für Sülz. Jeder Sülzer kann sich also bei der Organisation des „Tag des guten Lebens“ beteiligen, zum Beispiel in einem der Arbeitskreise oder aber mit einer eigenen Aktion in einer der Nebenstraßen. Wer mag, stellt zum Beispiel Tisch und Stühle auf die Straße, um dort gemeinsam mit den Nachbarn zu frühstücken. Oder eben das Sofa, um von dort aus gemütlich das Geschehen zu beobachten. Und wie wäre es, kleine Ecken zu bepflanzen, damit dort grüne Inseln entstehen?

Dass der Tag nun in Sülz, also seinem eigenen Veedel stattfindet, ist für Davide Brocchi eine besondere Herausforderung. 80.000 bis 100.000 Bürger hatten sich in Ehrenfeld beteiligt – als Besucher oder als aktive Teilnehmer, eine Zahl, die auch Brocchi bis heute noch immer staunen lässt. Dabei gab es in der Venloer Straße 60 Aktionen, in den Nachbarstraßen 120. Sülz, sagt Brocchi, sei natürlich ganz anders als Ehrenfeld aufgestellt, allein schon wegen der Größe. Ehrenfeld biete zudem ein ganz anderes Klima, das Umfeld sei dynamischer und kreativer, nicht zuletzt, weil hier viele junge Leute und viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Zudem hatten sich viele Aktivisten schon davor miteinander vernetzt, zum Beispiel in Sachen Heliosgelände. In Sülz dagegen geht es etwas ruhiger zu, dazu befindet sich der Stadtteil in einer deutlich späteren Phase der Stadtentwicklung: Stichwort Gentrifizierung. Das führt zu ganz anderen Problemen. Die Mieten steigen, günstiger Wohnraum wird immer knapper, viele kleine Einzelhändler müssen ihre Läden schließen.

Ein weiterer Aspekt: Die Autodichte in Sülz ist deutlich höher als in Ehrenfeld, entsprechend gibt es hier deutlich mehr Probleme, was die Parksituation angeht. Insofern sei es in Sülz eine besondere Aufgabe, auch die Autofahrer vom Tag des guten Lebens zu überzeugen. Für Ersatzparkplätze gäbe es aber bereits erste Ideen. Natürlich seien die Straßen außerdem nicht komplett abgesperrt. Krankenwagen, Polizei oder Feuerwehr könnten jederzeit durchfahren und auch in anderen Notfällen kämen Autos problemlos durch das Gebiet. Autofrei soll das Gebiet zwischen zwischen Gürtel und Universitätsstraße sowie Luxemburger Straße und Zülpicher Straße sein, die Luxemburger Straße selber kann aber befahren werden

Nachdem für Sülz die politischen Weichen gestellt sind und die Bezirksvertretung sich einstimmig für die Durchführung des Tag des guten Lebens entschieden hat, kann es nun mit der Planung weitergehen: Am Samstag, 15. März, findet daher um 14:30 Uhr (14:00 Einlass) im Schillergymnasium ein erstes öffentliches Nachbarschafts-Treffen statt, zu dem alle Interessenten herzlich eingeladen sind.

Wer sich vorab informieren möchte: Infos gibt es auf der Facebook-Seite „Tag des guten Lebens Köln“: facebook.com/tagdesgutenlebens. Außerdem gibt es eine Website mit vielen Informationen: tagdesgutenlebens.de, auf der bald noch ein Bereich für Sülz eingerichtet werden soll. Viele weitere Informationen finden sich zusätzlich auf der Website der Agora Köln: agorakoeln.de

Der Artikel erschien auch in einem Kölner Onlinemagazin.

 

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Das schwarze Gold

 

 

„Schamong Kaffee“ ist in Köln kein unbekannter Name. Seit über 50 Jahren steht Schamong für Kaffeegenuss höchster Qualität. Das erste Geschäft wurde 1949 als Filiale des Hauptgeschäfts Lülsdorff-Kaffee in der Venloer Straße von Josef Schamong eröffnet. Zehn Jahre später entschloss er sich, das Geschäft zu übernehmen, um künftig unter den Namen „Schamong Kaffee“ Bohnen allerfeinster Qualität anzubieten. Die Kaffeerösterei etablierte sich schnell und war bald außerhalb von Köln bekannt – somit war ein gutes Fundament gesetzt.

Aus Altersgründen übergab Josef Schamong 1995 das Geschäft an seinen Sohn Fred, der die Traditionsmarke erfolgreich bis 2008 führte. Mittlerweile wird die Kaffeerösterei in der dritten Generation geführt. Auch das Geschäftskonzept wurde überarbeitet: Es sollte nicht nur perfekt gerösteter Kaffee und Tee verkauft werden, sondern auch grundlegendes Wissen über die schwarze Bohne vermittelt werden. Mit dem Umzug in die deutlich größeren Geschäftsräume in der Venloer Straße 535 war die Gründung der neuen Kaffee-Akademie schließlich möglich. „Wir wollen Kaffeeliebhabern zeigen, wie man fachkundig mit der Bohne umgeht – vom Anbau bis hin zur perfekten Zubereitung des Getränks“, so Holger Schamong. Dafür wird mit Kölns erstem zertifizierten SCAE (Speciality Coffee Association of Europe), nämlich Barista Fabio De Nittis, zusammengearbeitet. Er nimmt die Teilnehmer auf eine spannende Reise in die Welt des Kaffees mit und verrät dabei so einige Insider-Tipps. Denn Kaffeemachen, so Fabio De Nittis, bedeutet das perfekte Zusammenspiel zwischen Maschine, Mühle, Außentemperatur, Kaffeebohne und Mensch, wobei für ihn vor allem der Mensch die entscheidende Rolle spiel. Und so braucht es viel Übung, um eine wirklich gute Tasse Kaffee zuzubereiten.

Angeboten werden vier Lehrgänge: Der Kurs „Barista & Latte-Art Basic“ richtet sich sowohl an Personen aus dem gastronomischen Bereich als auch an ambitionierte Kaffeeliebhaber und Home-Barista. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Neben einer Einführung in die Welt des Kaffees wird der Beruf das Barista vorgestellt, nach einem kleinen Snack werden dann die verschiedenen Zubereitungsarten unter professioneller Anleitung geübt. Der Kurs kostet 199 Euro und dauert viereinhalb Stunden, neben den Seminarunterlagen erhalten alle Teilnehmer ein Zertifikat. Direkt anschließend kann der Zusatzkurs „Latte Art professional“ besucht werden, der sehr praxisorientiert angelegt ist. Im Kurs können die Teilnehmer durch intensives Training unter professioneller Anleitung ihre eigene „Latte Art“ perfektionieren. Der Kurs kostet 99 Euro und dauert zwei Stunden, Voraussetzung ist der Besuch des ersten Kurses. Weitere Kurse wie ein Espresso-Workshop sind in Planung. Auch ein Grundlagenseminar in Zusammenarbeit mit dem Café St. Mocca wird angeboten: Kaffeesommelier Markus Losse gibt hierbei interessante Einblicke in die Welt der geheimnisvollen schwarzen Bohne, die Lust auf mehr machen. Alle Termine zu den verschiedenen Seminaren finden Sie immer auf der Website von Schamong-Kaffee.

Für Kölner, die Kaffee lieben, ist ein Besuch im Ladengeschäft von Schamong Kaffee ein Pflichtbesuch. Hier wird der Kaffee noch wie vor 50 Jahren „gebrannt“, verwendet werden ausschließlich ausgesuchte Rohstoffe aus Süd- und Zentralamerika, aus Afrika und aus Asien. Im Unterschied zu den großen industriellen Kaffeeröstereien wird der Kaffee mit dem traditionellen Trommelröster im Langzeitverfahren geröstet. Zum Einsatz kommt dabei die gusseiserne Probat Röstmaschine UG 15n, die seit vielen Jahren treu ihren Beitrag zum Erfolg von Schamong Kaffee leistet. Das sehr langsame und schonende Röstverfahren ermöglicht eine optimale Bildung der Aromen, während gleichzeitig die unerwünschten Säuren abgebaut werden. Die Kaffeebohne kann so ihr gesamtes Geschmackspotential entfalten. Den Unterschied zu herkömmlichem Industriekaffee werden Sie sofort schmecken. Daneben ist der Schamong Kaffee besonders verträglich – ideal für alle, die einen empfindlichen Magen haben. Da jede Bohne ihren eigenen Charakter besitzt, werden die einzelnen Sorten unterschiedlich und einzeln geröstet, damit sie ihren individuellen Geschmack entfalten können. Jede Charge wird anschließend sorgsam von Hand verlesen, bevor der Kaffee in den Verkauf kommt.

Seinen Ursprung hat der Kaffee übrigens in Afrika. Der aus Äthiopien stammende Arabica wurde bereits im 15. Jahrhundert im Yemen angebaut. Für den Wachstum benötigen die Arabica-Pflanzen eine durchschnittliche Temperatur von 18 bis 25 Grad, in der Regel gedeihen sie am besten auf einer Höhe von 600 bis 1200 Metern. Die ersten Robusta-Pflanzen wurden im Kongo entdeckt, der professionelle Anbau wird aber erst seit 1900 in Indonesien betrieben. Sie vertragen höhere Temperaturen, sind aber auch kälteempfindlicher als Arabica. Angebaut werden sie auf einer Höhe von 300 bis 800 Metern. Als besonders wertvoll gelten Hochlandkaffees, die sich durch eine sehr feine Säure und hervorragenden Geschmack auszeichnen. Wussten Sie außerdem, dass für einen Sack Rohkaffee um die zehn Arabica-Bäume abgeerntet werden müssen? Ein einzelner Kaffeebaum liefert nämlich nicht viel mehr als zwei Pfund Kaffee pro Jahr, denn eine Kaffeekirsche enthält immer nur zwei Bohnen. Um reif zu werden, benötigen sie je nach Lage um die zehn Monate, geerntet wird also nur einmal pro Jahr. Die Kirschen werden meist von Hand gepflückt, um eine gute Qualität zu sichern. Viele Kaffeeplantagen sind außerdem nur schwer zugänglich, so dass ein Einsatz von Erntemaschinen meist gar nicht möglich ist. In mehreren Arbeitsgängen werden die Bohnen von ihrer Ummantelung getrennt, geschält und schließlich, nach Größe, Dichte und Farbe sortiert als Rohkaffee in Säcke gefüllt, um ihre Reise in die Kaffeerösterei von Schamong Kaffee anzutreten. Und wenn Sie möchten, verwöhnt sie Sie in einer in Form einer herrlich duftenden Tasse Kaffee mit dem wunderbaren Schamong-Kaffee-Aroma…

 

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Wolle Schie bummse?

wolleschie

 

Erschienen im Buch 63,75 – 63 Menschen schreiben über 75 Orte, Objekte, Sachverhalte in Wiesbaden”//

Die Holländische Straße ist eine von diesen Straßen, die keiner kennt, nicht einmal der Taxifahrer, der einen dorthin fahren soll. „Holländische Straße? Kenn ick nich, jibtet nich, fahrense woanders hin. Nich? Na denn steigense ma schnell wieda aus, die Dame!“ würde er sagen, wäre man in Berlin. Aber man ist ja nicht in Berlin, sondern im beschaulichen Wiesbaden. Also würde man seufzend das Handy aus der Handtasche kramen, den Weg googeln und dem Fahrer erklären, wie er fahren muss.

 

Raus nach Kohlheck würde es gehen, an den Stadtrand von Wiesbaden, also dahin, wo kurz danach das große Nichts anfängt. Eine kleine Nebenstraße ist sie, die Holländische Straße, und durch die fährt man nicht einmal, wenn man zum 1. SC Kohlheck 1951 e.V. will, um sich ein Fußballspiel anzugucken. Oder vielleicht in den Kohlhecker Waldkindergarten Zappelphilipp oder in die Freie Christliche Schule Wiesbaden am Waldrand, die aussieht wie ein Knast. Reihenhäuser stehen hier, eins wie das andere, kleine Würfel in Brauntönen. Hier ein bisschen Holz, da ein  bisschen Klinker, Küchenfenster und Türe im Erdgeschoss, ein kleines und ein großes Fenster im oberen Stockwerk, darüber ein Flachdach. Holländischer Stil nennt sich die Bauweise, platzsparend, kantig, zweckmäßig und ein bisschen verspielt, in den 90ern war das modern, heute wundert man sich über die Enge. Lange Gärten nach hinten und kleine Vorgärten mit Jägerzaun nach vorne raus, vor den Türen stehen Gummistiefel, Fahrräder und Tontöpfe mit Tulpen und vor dem Jägerzaun der Kleinwagen. „Und samstags wird der Rasen gemäht“, denkt man belustigt.

Man würde den Fahrer bezahlen, aussteigen und ein paar Schritte durch die Straße laufen. In den Bäumen zwitschernde Vögel und ein leichter Wind, der sanft den Kirschlorbeer in den Vorgärten streichelt, auf der andere Straßenseite eine Frau mit Dackel, die irgendwie ein bisschen wie Marijke Amado aussieht. Und auf einmal hätte man diesen unheimlich leckeren Duft in der Nase, gebratenes Fleisch und irgendwas Frittiertes. Da kocht jemand, würde man denken und die kleinen Fenster in den Erdgeschossen absuchen und sich darüber wundern, dass hier keiner Vorhänge hat, so dass man durch die Wohnungen bis in die Gärten hindurch gucken kann. In einer der Küchen würde man eine Frau am Herd sehen, mit dicken geflochtenen blonden Zöpfen, einer komischen Mütze, einer blauweiß-gestreiften Bluse und einem roten Halstuch, und sie würde lachend das Fenster öffnen und rufen „Hunger? Dann iss mit uns! In zehn Minuten gibt es Essen!“ Zwei kleine blonde Kinder mit Holzpantoletten an den Füßen würden einen in den Garten führen, in dem unter einem blühenden Apfelbaum ein langer, gedeckter Tisch mit buntem Plastikgeschirr steht. „Komm, wir holen Opa!“, würden die Kinder dann sagen und einem links und rechts eine warme Hand reichen und zu dritt würden wir so durch die kniehohe Wiese durch den Garten laufen, um Opa zu holen.

Am Ende des Gartens, ganz versteckt und von der Terrasse aus nicht zu sehen, würde ein alter Wohnwagen mit offener Tür stehen, davor unter einem bunt getupftem Sonnenschirm zwei Männer auf Klappstühlen, die sich kichernd miteinander unterhalten. Der eine um die 80, recht groß, schlank, graues langes Haar und eine seltsam dicke Zigarette in der Hand, der andere vielleicht Mitte 60, etwas kleiner, rundlich und mit Vollbart, in der Hand eine Plastikflasche Erdbeer-Slimfast. „Hm, leeeckkkerrr!“ würde er rufen und einen tiefen Schluck aus der Flasche nehmen. Dann würde man feststellen, dass das ja Rudi Carrell und Harry Wijnvoord sind und bevor man sich darüber wundert, würde Rudi einen angucken und kichernd sagen: „Harry kriegt halt immer so einen Durst von der Kifferei!“ und dann würde Harry kichernd sagen: „Rudi, das Zeug ist zwar scheiße, aber es schmeckt wirklich verdammt leckkkkerrrr!“ und Rudi würde mich angucken und fragen: „Wolle schie bummse?“ und eines der beiden kleinen Kinder würde entrüstet sagen „Opa, Du sollst das doch nicht dauernd sagen!“ und ich würde das Angebot höflich ablehnen und fragen, ob ich stattdessen nicht lieber mitrauchen könnte. „Klar, setz Dich zu uns! Es ist herrlich hier!“ würde Harry rufen. „Ein Paradies! Nebenan wohnen die de Mols, zwei Häuser weiter Herman van Veen und einmal pro Woche gehe ich mit Sylvie und Marijke zur Pediküre! Und Antje kocht ab und an für uns! Keine nervigen Fans, denn niemand weiß, dass wir alle hier wohnen, unsere Straße kennt nämlich keine Sau, denn so wie wir will ja keiner wohnen. Und dass Rudi noch lebt, weiß auch keiner!“ Und Rudi würde am Joint ziehen, dann Harry angucken und fragen: „Aber schie, wolle schie bummse?“ und dann würden wir so lange lachen, bis wir keine Luft mehr bekommen würden.

Antje würde uns rufen, dass das Essen jetzt fertig sei und wir kommen sollten. Und dann würde ich an diesem herrlichen Maitag unter einem blühenden Apfelbaum sitzen, zusammen mit Rudi Carell, Harry Wijnvoord, Frau Antje und ihren zwei Kindern, wir würden einen Berg Frikandel, Fritjes und Satesauce sowie eine Kugel Gouda aufessen und hinterher noch ein paar Erdbeer-Slimfast trinken, weil man von der ganzen Kifferei immer so einen Appetit bekommt und abends, wenn es dunkel werden würde, würde Frau Antje die Kinder ins Bett bringen und kleine Kerzen in den Lampions im Baum anzünden. Die van der Vaarts würden rüberkommen, außerdem Marijke Amado und Herman van Veen. Ich würde neben Sylvie sitzen, die ungeschminkt wäre und wunderschön aussehen würde, und sie würde mir erzählen, wie satt sie diese ganze Anpinselei habe und das sei ja alles nur fürs Fernsehen, in Wirklichkeit hasse sie Make Up, aber das dürfe ich keinem erzählen. Und Herman würde seine Gitarre auspacken und ein bisschen was spielen und Marijke würde dazu singen.

Bis tief in die Nacht säßen wir da und ab und an würden wir noch einen Joint rauchen und Antje würde einen Gouda nach dem anderen anrollen und alle würden wir sie aufessen, weil man von der Kifferei ja so einen Appetit bekommt und dazu würden wir Chocomel mit Whisky auf Eis trinken. Vom Fernsehen würden sie erzählen und auch von den Deutschen, die immer in Klischees denken und meinen würden, man müsse alles in eine Schublade stecken können, um es besser zu verstehen und über das, was man nicht verstehen würde, würde man sich halt ironisch lustig machen und dass doch alles viel besser wäre, wenn man das mal bleiben ließe, um statt dessen das Leben mit seinen Mitmenschen zu genießen, eben so, wie es ist. Harry würde noch ein paar Erdbeer-Slimfast holen, die wir mit Gin trinken würden und irgendwann tief in der Nacht würde Rudi Sylvie fragen: „Wolle schie bummse?“ und Rafael würde wütend aufspringen und Rudi Carell eine langen. Fernseh-Ikonen hauen sei zwar nicht so super,  würde er danach sagen, aber meine Frau, die gräbt hier keiner blöd an, nicht mal Rudi Carrell! Rudi würde sich die Backe reiben und „Schulldigung“ nuscheln und Harry würde laut rufen: „Kinder, vertragt Euch wieder, hoch die Gläser! Prost! Auf das Leben!“ Und wir alle, auch Rudi und Rafael, würden miteinander anstoßen und unsere Erdbeer-Slimfast auf Gin herunterkippen. Auf Ex natürlich. Aber so genau weiß ich das alles natürlich auch nicht, denn ich war ja noch nie da, in dieser Holländischen Straße.

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Der Ponyhof

ponyhof

Als wir noch kein Ponyhof waren, sondern einfach nur irgendeine dieser Bürogemeinschaften in einem Ladenlokal, wie man sie überall in der Stadt sieht, war alles ganz anders. Natürlich gab es auch da bereits diese Leute, die vor unserm Schaufenster stehen blieben, breitbeinig, leicht gebückt und mit bedächtiger Miene, um die in der Auslage ausgestellten Fotos einer befreundeten Fotografin zu begutachten. Erst kamen die Fotos an die Reihe, dann die Preisliste, schließlich wieder die Fotos und ganz zum Schluss das im Fenster hängende Plakat. Dass wir nur wenige Meter hinter dem Fenster an unseren Schreibtischen saßen und das alles mitbekamen, schien sie dabei nicht zu stören, gerade so, als wären wir nicht da. Erst wenn sie gerade dabei waren, sich vom Fenster abzuwenden, um weiter ihrer Dinge nachzugehen, da warfen sie wie beiläufig einen verstohlenen, sekundenkurzen Blick ins Ladeninnere, um zu prüfen, was sich dort tat. Doch ohne uns wahrzunehmen, wendeten sie sich aber rasch wieder ab und gingen weiter und wir fühlten uns so, wie sich eben alte Giraffen im Zoo fühlen müssen. So ging das über Wochen und wir hatten uns daran gewöhnt.

Doch von einem Tag auf den anderen wurde alles anders. Nie hätte ich gedacht, dass es so einfach sein kann, einen Ponyhof aufzumachen, aber genauso war es. Ein junger Mann kam, putzte das Schaufenstern, klebte die Folie auf und legte eine Rechnung über einen Betrag von 52 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer auf den Tisch. Dann ging er wieder und wir waren ein Ponyhof. Und nun ging es los. Zuerst blieben die Leute wie immer vor dem Schaufenster stehen, sobald sie im Vorbeilaufen entdeckt hatten, dass etwas ausgestellt wurde. Die Fotos wurden begutachtet, dann die Preisliste, anschließend wieder die Fotos und zuguterletzt das Plakat. Doch bevor sie schließlich noch den verstohlenen Blick ins Ladeninnere  warfen, wanderte der Blick nun nach rechts, nämlich dahin, wo die neue Schaufensterbeschriftung klebte. „Das Büro ist kein Ponyhof. Könnte aber“ stand da in weißen Buchstaben und hatten sie den Text gelesen, stutzten sie, guckten abwechselnd auf die Fotos, das Plakat und die Schrift und dann, und das war völlig neu, begannen sie, ganz  selbstvergessen ins Ladeninnere zu starren, um die Ponys zu suchen und keine zu finden. Minutenlang. Irgendwo müssen doch diese Ponys sein! Wenigstens Pferde! Und nun kam der der schönste Moment, also der, wenn die Leute endlich begriffen, dass wir sie die ganze Zeit lang von unseren Schreibtischen aus beobachtet hatten. Und das war unser Einsatz. Ina fing an zu wiehern und ich legte mir die Hand mit den Fingern nach vorne auf den Kopf,  so dass sie wie eine Mähne über meine Augen baumelten, und schnaubte dabei wie ein Pferd nach dem Galopp.  Und dann lachten wir uns kaputt. Und als einmal einer von den Leuten durch die Scheibe zu uns hineinrief, nämlich „Wo ist denn jetzt dieser Ponyhof?“, da rief Ina zurück: „Was, Du findest Ronny doof?“ und  wir lachten so sehr, dass uns die Tränen über die Backen liefen.

Irgendwann war da diese Frau. Auf das Wiehern, das Schnauben und meinen Fingerpony reagierte sie nicht und als ich darum auf meinen Stuhl anfing, herumzuhoppeln wie ein Jockey auf dem Pferd, kam sie in den Laden. „Menschen, die Tiere mögen sind gute Menschen. Ich habe auch Tiere. Und die fressen mir die Haare vom Kopf. Kennen Sie den Zirkus da draußen im Park? Der gehört mir. Wir haben zwar keine Ponys, aber einen Elefanten und kein Geld für Heu zum Füttern. Haben Sie nicht was von ihren Ponys übrig und könnten uns nicht etwas spenden?” fragte sie. Das war natürlich etwas unangenehm, denn wie soll man einer Frau in einer solchen Situation sagen, dass wir nur ein theoretischer Ponyhof sind, in jedem Fall aber keine echten Ponys bei uns stehen haben? Also sagten wir der Frau, dass unser Heu mometan leider aus sei, wir hätten aber noch eine halbe Quiche Lorraine im Kühlschrank, die könne sie gerne mitnehmen, um sich mit wenigstens mit dem Elefantenwärter einen schönen Abend zu zweit zu machen. Die Frau sagte traurig, dann könne man wohl nichts machen, die Quiche aber nehme sie gerne mit. Sie packte das Stück, das Ina in Alufolie gewickelt hatte, in ihre Tasche und ging.

Am nächsten Tag fuhr ein Traktor vor und ein Bauer trug zehn große Heuballen ins Büro. “Habe ich bestellt. Man weiß ja nie. Ponyhöfe müssen für alles gerüstet sein”, sagte Ina und unterzeichnete den Lieferschein. Weil wir keinen Keller haben, haben wir die Ballen in den Besprechungsraum gepackt, schön in zwei Reihen aufeinander gestapelt. Den Konferenztisch haben wir verschenkt, für den war ja jetzt kein Platz mehr. Die Frau vom Zirkus kam nie wieder. Dafür lege ich mich nun manchmal mittags im Besprechungsraum ins Heu und schlafe ein bisschen. Im Heu schlafen, wo kann man so etwas heutzutage noch? Und überhaupt: warum eigentlich nicht? Man könnte doch. Wenn man eben nur wollte.

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